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Gletschervermessung: Eisverluste von über drei Metern

Die vorläufigen Auswertungen von Schneezuwachs und Eisabtrag im letzten Haushaltsjahr haben überall sehr starke Massenverluste gezeigt: Dies geht aus den Abschlussbegehungen hervor, die das Hydrographische Landesamt, die Universität Innsbruck und das Italienische Gletscherkomitee in diesen Tagen vorgenommen haben.

Dieses für die vergangene Saison beispielhafte Bild zeigt den Westlichen Rieserferner bei starker Eisschmelze im Hochsommer (22. Juli)
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Um die Abschmelzung zu bestimmen, werden Ablationspegel mehrere Meter in das Eis gebohrt; im Bild der stellvertretende Direktor des Hydrographischen Landesamtes Roberto Dinale am gestrigen 1. Oktober. Foto: LPA/Hydrographisches Landesamt
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Mit Abschlussbegehungen - im Bild in der Gletscherlandschaft mit dem Hochgall im Hintergrund am gestrigen 1. Oktober - hat das Hydrographische Landesamt das Haushaltsjahr 2014/2015 beendet. Foto: LPA/Hydrographisches Landesamt
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Die Begehungen auf dem Westlichen Rieserferner in Rein in Taufers, dem Weißbrunnferner im Ultental, dem Langenferner im Martelltal und dem Übeltalferner im Ridnauntal bestätigten starke Einbußen der heimischen Gletscher in den vergangenen zwölf Monaten.

"Die Erhebungen", berichtet Roberto Dinale, Vizedirektor des Hydrographischen Amtes, "zeigen Eisverluste von mehr als drei Metern in den Zungenbereichen und beinahe die Erschöpfung der Schneereserven der beiden gletscherfreundlicheren Vorjahren in den oberen Teilen der Südtiroler Gletscher". Der Niederschlag im Winterhalbjahr, der meist leicht über dem langjährigen Mittel lag, ein paar Schneefallereignisse am Ende des Frühlings und im September sowie die meist geringe Luftfeuchtigkeit im Hochsommer sorgen jedoch dafür, dass wahrscheinlich die Endergebnisse nicht ganz so schlimm wie 2002/03 ausfallen werden. Die Gletscherjahresbilanzen 2014/15 werden somit, je nach Gebiet und Höhenlage, zwischen Platz 2 und 5 in den jeweiligen historischen Datenreihen einzuordnen sein.

"Leicht weniger negativ", führt Roberto Dinale aus, "werden die Gletscher am Alpenhauptkamm abschneiden, vor allem deshalb, weil hier verhältnismäßig ein bisschen mehr Schnee als in der Ortler-Gruppe gefallen ist". Besonders markant sind überall die durchwegs großen Massenverluste in den unteren und mittleren Gletscherbereichen, wo letztes Jahr kein Firn überdauern konnte. Aus diesem Grund sind die Gletscher auch in den Längen und in den Flächen stark zurückgegangen.

"Das hydrologische Jahr 2014/15", berichtet Landesmeteorologe Dieter Peterlin, "war in Bozen das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen 1850/1851 mit einer Mitteltemperatur von 14,5 Grad; auf dem zweiten und dritten Platz folgen 2006/07 mit 14,0 Grad und 2002/03 mit 13,6 Grad. Mit Ausnahme des aktuellen Septembers waren alle Monate im Vergleich zum Mittel zu warm."

Die Gletscher Südtirols werden in den kommenden Jahrzehnten weiter abschmelzen, und eine Stabilisierung der Lage scheint nur in hochgelegenen Regionen - zum Beispiel rund um den Ortler und in den Stubaier Alpen - in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts möglich. Eine Stabilisierung allerdings, die maximal ein Viertel der heutigen Gletscherflächen umfasst.

Glaziologen der Universität Innsbruck haben im Auftrag des Hydrographischen Landesamtes Projektionen für die Südtiroler Gletscher erstellt. Grundlagen für die Berechnungen waren das Südtiroler Gletscherinventar von 2006, die verfügbaren Eisdicken- und Massenbilanzmessungen an den Südtiroler Gletschern und Klimaprojektionen von 15 globalen Klimamodellen, die für jeweils vier unterschiedliche Szenarien des zukünftigen Ausstoßes von Treibhausgasen berechnet wurden. Demnach wird die in den letzten Jahren überwiegende Schmelze auch die kommenden Jahrzehnte prägen. "Es wird ", unterstreicht Ben Marzeion vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck, "sicher auch in Zukunft immer wieder einzelne Jahre geben, in denen es den Gletschern gut geht - die mageren Jahre werden aber deutlich überwiegen".

"Durch das Abschmelzen", erklärt der Direktor der Abteilungen Brand- und Zivilschutz und Wasserschutzbauten Rudolf Pollinger, "produzieren die Gletscher im Sommer mehr Wasser, das für die Landwirtschaft und Energiegewinnung genutzt werden kann. Gleichzeitig werden aber die vergletscherten Flächen kleiner, so dass auch der Wasserbeitrag der Gletscher weniger bedeutsam wird" sagt . Es lässt sich nicht auf fünf oder zehn Jahre genau sagen, wann der maximale Beitrag der Gletscher zum Abfluss zu erwarten ist. Es sieht aber in allen Einzugsgebieten in Südtirol so aus, dass dieses Maximum bereits erreicht wurde oder gerade erfolgt.

Südtirol sollte sich also auf Zeiten einstellen, in denen in den meisten vergletscherten Gebieten Südtirols bis zum Ende des Jahrhunderts sehr wenig Eis übrig bleiben dürfte. Die Gletscher werden somit eine immer geringere Rolle im Wasserhaushalt spielen.

mac


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