Jagdhausalm

"Weltwunder" Jagdhausalm

Ein Beitrag von Andreas Eppacher, Obmann der Agrargemeinschaft

Wie ein Gebirgsdorf aus dem Himalaya wirkt die aus dem 13. Jahrhundert stammende Jagdhausalm auf 2.000 m Seehöhe. Gelegen im Nationalpark Hohe Tauern am Ende des Osttiroler Defereggentals, gehört sie zu den ältesten Almen Österreichs.  2007 wurde die Jagdhausalm von den Lesern der Kleinen Zeitung in Anlehnung an die „Neuen Weltwunder“ zum größten Weltwunder Kärntens und Osttirols gewählt. Die Alm wird noch heute, aufgrund jahrhundertealter Weiderechte, von Südtiroler Bauern bewirtschaftet, obwohl sie in Österreich gelegen ist. Dazu dürfen diese die Staatsgrenze am Klammljoch beliebig mit Fahrzeugen passieren.

Geschichte

Ein ehrwürdiges Denkmal bäuerlicher Kultur ist heute die Jagdhausalm.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Jagdhausalm  im Jahre 1212 in einer Urkunde des Bischofs Konrad von Brixen.  Damals gab es sechs Höfe, die man in der Volkssprache Schwaighöfe nennt, „alle beisammen gelegen am Ort  Jagehusen im Bereich Schwarzach“. In dieser Urkunde steht, dass diese Höfe eine jährliche Zinslast von 10 Mark an das Hochstift Gurk zu leisten hatten. Es findet sich aber keine Angabe, dass das Hochstift den Schwaigenbesitz behaupten konnte. Vielmehr scheinen Ihn die Herren von Taufers wiedergewonnen zu haben. In den Rechnungen des Amtes von Taufers, das den gesamten Besitz (Landgericht und Urbar) für den Landesfürsten von Tirol zu verwalten hatte, wird in der ersten Hälfte des 14 Jhd. die „swaigario de Jagehausen“ angeführt.  1315 hatten die alten Herren von Taufers den Besitz an den Landesfürsten abgetreten. In den Jahren 1321, 1326 und 1338 wird eine jährliche Versorgung von fünf „Schaff“ Korn bestätigt. Ein Schaff enthielt beiläufig 90 Liter. Die Höfe in dieser Meereshöhe waren auf diese „Kornpfründe“ angewiesen.

Im tirolerischen Geamturbar von 1406 steht aber bereits, dass diese Schwaigen bereits Alben geworden waren und es auch geblieben sind.  Eine alte Urkunde fand sich beim Egitz in Mühlen. Sie wurde am Feste des Hohen Frauentages im Jahr 1449 zur Regelung der Ochsenweide niedergeschrieben. Weil sich dort Spannungen und Irrung erhoben haben, wurde 1539 der „Jaghaus Brief“ verfasst. Laut dieser detaillierten Urkunde konnten neben den Eigentümern von Kasten und Hütten noch 48 auswärtige Almberechtigte ihr Vieh auftreiben, das aber nur in das Affental.

Die Bauern lagen wegen der ständigen Nutzung und Abgrenzung der Asten und Bergmahder  im ständigen Streit. 1741 wurde deswegen ein Vergleich zwischen den damaligen 17 Alminhabern zu Jagehausen mittels Losentscheid vorgenommen.  Zu diesem Zweck sind in der alten Aste 17 und in der neuen Aste 17 Teile gemacht worden, sodass jeder ein Stück von der alten und eines von der neuen Aste bekam. Besitzt einer in der alten Aste das von den Hütten weiteste weg, bekommt er in der neuen Aste das am nächst gelegene zu den Hütten.

Abschließend wurde vereinbart, dass ein Teil auch bei stehendem Heu den notwendigen Durchgang lassen soll, ebenso bei Durchfahrt mit dem Dünger. Die Schweine sind durchwegs zu ringeln, damit diese nicht Schaden zufügen mögen.

Nach dieser Einigung war auch die Vergrößerung der Almkapelle notwendig, weil sich auf Jagdhaus bis zu 40 Almleute aufhielten. Den Ausbau nahm der Tauferer Dekan Zephyris 1744 vor. Eine nochmalige Vergrößerung erfuhr sie 1834 durch Dekan Seyr.

Damals mussten sich die Bauern auch verpflichten, keine Frauen in der Almgemeinschaft zu dulden und für Sitte und Ordnung zu sorgen. Der Kurat von Rein las alle 14 Tage eine Messe, wofür er Butter bekam. Am Vortag erreichte er die Alm und am nächsten Tage ging er wieder zurück. Viele Senner gingen aber Sonntags nach Rein (3 Std.) oder St. Jakob in Defereggen (4 Std.) zum Gottesdienst, um anschließend ein Gasthaus aufsuchen zu können. Auch heute gehört die Jagdhausalm noch zur Diözese Bozen-Brixen.

Die Jagdhausalm heute

Die aufgrund ihrer Erscheinung oft als „Klein Tibet“ bezeichnete Jagdhausalm am Ende des Osttiroler Defereggentales gehört zu den ältesten Almen Österreichs. Erreichbar ist die Jagdhausalm entweder von italienischer Seite vom Reintal über das Klammljoch (Wegbau  1970) oder aus dem Defereggental.  Die Almfutterfläche der Alm, deren niedrigster Punkt auf 2000 Metern liegt, beträgt ca. 700 ha. Auf der Alm werden im Durchschnitt vom 25. Juni bis 15. September 340 Stück Rinder gealpt, die sich im Wesentlichen aus Jungvieh und 70-80 Schafen zusammensetzen.

Die Alm mit einer Gesamtfläche von 1.745 ha befindet sich heute im Besitz einer Agrargemeinschaft mit 15 Mitgliedern, die allesamt aus Südtirol stammen. Die Besitzer hießen „Inhaber der Kasten“. Als Kasten sind wohl die mit Trockenmauern eingefangenen Wiesen der einstigen Schwaighöfe gemeint. Die Eigentumsverhältnisse haben sich im Lauf der Zeit verschiedentlich geändert. Die Alm umfasst 16 Hütten, einer hat zwei Hütten, also 15 Bauern treiben Vieh auf. Die Weiderechte sind auf hundert Achtel aufgeteilt. Auf ein Achtel können 3 Stück Rinder (Gräser) und 5 Schafe aufgetrieben werden. Kälber unter einem Jahr zählen nur ein halbes Gras (Rind).  Vier Bauern besitzen 8 Achtel, einer besitzt 7 Achtel, 8 Bauern haben 6 Achtel , einer hat 5 Achtel und noch zwei mit 4 Achteln.

Heute bilden diese Bauern eine Agrargemeinschaft, die 1970 gegründet wurde.

Vor 60 Jahren waren noch bis zu 40 Personen auf der Alm, die bis zu 100 Kühe gemolken haben und die gesamte Milch zu Butter und Käse verarbeitet haben. Heute sind es vier Hirten, ein Ochsenhirte mit Bub, ein Kalbenhirte, ein Kälberhirte und eine Sennerin, die den Almausschank führt. Jedes Jahr sind zwei Bauern die Almherren, je nach Reihenfolge. Diese sind für die Einstellung der Hirten und den Almbetrieb mit den vorgeschriebenen Aufgaben zuständig.

Hüttendorf

Die aus Stein erbauten 16 Hütten, die sich als kleines Dorf perfekt in die hochalpine Landschaft einfügen, sind einzigartig in den Ostalpen. Warum die Hütten aus Stein erbaut worden sind, lässt sich an der Tatsache erklären, dass oberhalb der Waldgrenze die Beschaffung von Bauholz nur vom Tal herauf erfolgen konnte und somit naheliegend war, dass man die Hütten aus den ja vor Ort  zu Hauf zur Verfügung stehenden Steinen erbaute. Die Hütten sind mit einer „Reme“ - das heißt einem Heulager im Nebenraum zur Küche - ausgestattet, wobei in der  Küche auf der „Feuerstatt“ noch über offenem Feuer gekocht wird. Als Schlafgelegenheit für die Hirten dient meist nur ein Schlafzimmer, die sog. Kammer. Die kleinen Hütten, die inklusive des Daches aus Stein gefertigt sind, sind Kaskeller, die früher zur Aufbewahrung des in großen Mengen produzierten Käses dienten. Diese perfekte Harmonie dieser Hütten verleiht der Jagdhausalm ein besonders Flair.

Bewirtschaftung

Rund 7 ha Wiese werden heute noch gemäht, wobei jeder Bauer einen eigenen Streifen hat, den er mäht. Die Jagdhausalm, die das Nationalparkzertifikat verliehen bekam, hat in den letzten Jahren viel in die Erhaltung und Modernisierung der Alm investiert. So wurde im Jahr 2008 ein eigenes Elektrowerk und eine ca. 200 m lange Trockensteinmauer neu  errichtet. 2010 baute man eine Trinkwasserversorgung, und 2012 eine Abwasseranlage, wodurch eine Renovierung der Steinhütten erst wirklich möglich gemacht wurde.  Hier ist zu erwähnen, dass der Nationalpark Hohe Tauern als sehr wichtiger Partner von den Almbesitzern geschätzt wird und auch die Landesregierung diese Maßnahmen sehr unterstützt, ohne die derartige Investitionen unfinanzierbar wären. Dass die Hütten unter Denkmalschutz stehen, erleichtere die Arbeit der Almbauern nicht, meint der Obmann der Jagdhausalm, Andreas Eppacher.

Viehtrieb übers Joch

Das Vieh wird über das Joch nach Südtirol getrieben, wobei die 50 Stück Lehnvieh  meist am 15. September abgetrieben werden, die restlichen Rinder aber je nach Witterung noch bis in den Oktober hinein auf der Alm bleiben.

Nach Erzählungen alter Bauern soll es auch schon vorgekommen sein, dass im Frühjahr nach dem Almauftrieb wieder Wintereinbruch herrschte und die Tiere aufgrund von Futtermangel wieder über das Joch nach Hause getrieben werden mussten.

Problem Grenze

Der Grenzübergang über das Joch war früher nicht einfach zu bewältigen, da ohne Ausweis keine Überquerung möglich war. Dass das für die Bauern eine Belastung war, wenn Sie auch nur zum Mähen auf die Alm wollten, kann man sich vorstellen. Beim Almabtrieb war die Überquerung des Joches eine besondere Prozedur, denn jedes Stück Vieh wurde genau registriert und vom Tierarzt untersucht, sodass auch ein Schmuggel von Vieh ausgeschlossen werden konnte.

Bei einer Gegebenheit fanden diese Kontrollen einen unrühmlichen Höhepunkt: als ein Bauer auf der Alm zu Tode kam und man von Südtirol herauf ein Kreuz auf die Alm bringen wollte, wurde dieses Kreuz bei der Kontrolle beschlagnahmt!

Da man Krankheiten und Tierseuchen früher nicht so gut im Griff hatte, war natürlich auch hier besondere Sorgfalt nötig, denn der Viehtrieb stellte immerhin die Ein/und Ausfuhr von Tieren in ein anderes Hoheitsgebiet dar. „Das alles hat sich zum Glück mit dem Beitritt zur EU wesentlich gebessert“, freut sich Obmann Eppacher.

Besonderheiten

Eine Besonderheit inmitten des Hüttendorfes ist die Kapelle, die auf Initiative des Dekans von Sand in Taufers erbaut wurde, damit auf der Alm „Zucht und Ordnung“ herrsche. Der Altar zeigt die Jagdhausalm mit einem darüber schwebendem Marienbild. Früher kam der Pfarrer einmal in der Woche auf die Jagdhausalm, um eine Messe zu lesen, da verwunderlich, aber tatsächlich, auch das Almgebiet der Jagdhausalm  ein Teil seines „Seelsorgegebietes“ war. Diese Zeiten sind natürlich schon lange vorbei, doch einmal im Jahr findet auch heutzutage noch eine Messe statt.

Oberhalb des Almdorfes liegt versteckt ein kleiner kreisrunder See, Pfauenauge genannt – ein wirkliches Naturjubel und eine Augenweide!

Aus forstlicher und naturschutzfachlicher Sicht einzigartig ist das größte zusammenhängende Zirbenwaldgebiet in den Ostalpen, das sich zwischen der Jagdhausalm und der Oberhausalm befindet, worauf Osttirol sehr stolz sein kann.

Probleme in der Zukunft

Ein Problem ist laut Obmann Eppacher der immer stärker auftretende Mangel an qualifiziertem Almpersonal. „Man muss sich mit dem Vieh auskennen und sich was beibringen lassen“, sagt Eppacher. Ein weiteres Problem sei – so wie auf vielen anderen Almen in Tirol auch - das zunehmende Zuwachsen der Almen, das es  zu verhindern gelte. Hier werde in den nächsten Jahren vermehrtes Augenmerk auf Schwendmaßnahmen zu legen sein, „wofür bis dato einfach die nötige Zeit gefehlt hat“, so Eppacher abschließend.

WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN

Kontakt:

Andreas Eppacher, Obmann Agrargemeinschaft Jagdhausalm

T +39 340 1501125 od. +39 0474 672508

E info@niederunterer.com

Zustiege:

1) Südtiroler Ahrntal: von Rein in Taufers, ab Parkplatz Knuttenalm ca. 3 Stunden

2) Südtiroler Antholzertal: über Stallersattel hinunter ins Defereggental, ab Parkplatz Oberhausalm ca. 2 Stunden

3) Osttiroler Defreggental Richtung Arvental, ab Parkplatz Oberhausalm ca. 2 Stunden

Übergänge:

Klammljoch (2288 m) ins Tauferer Reintal / Knuttental, Rotenmannjoch (2886 m) zur Lenkjöchlhütte, Rotenmanntörl (2997 m) zur Reichenberger Hütte oder Clarahütte, Schwarzes Törl (2941 m) zur Reichenberger Hütte oder Clarahütte, Roßhornscharte (2916 m) zur Barmer Hütte

Gipfel in der Umgebung:

Rötspitze (3495 m), Daberspitze (3402 m), Totenkarspitze (3133 m), Arventalspitze (3083 m), Hörnle (2744 m)

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